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Dass sich mit den Zeiten auch die Gebräuche ändern, ist allgemein bekannt. Im Laufe der Geschichte hat das Deutsche immer wieder neue Worte aufgenommen und sich alter Worte entledigt, um effizient und eindeutig zu bleiben.

 

Das Substantiv Inzicht in der Bedeutung „Beschuldigung“ ist eines dieser ausgestorbenen Worte. Von der ursprünglich sehr produktiven Wortfamilie um „zeihen“ und „-zicht“ sind nur noch die Be-zicht-igung und der Ver-zicht übrig geblieben.

 

Auch wenn man Fremdwörter und ihre Ablehnung durch Sprachpuristen für ein Phänomen unserer Zeit halten mag, so hat es diesen linguistischen Kampf schon lange gegeben. Im Zuge der Verdrängung von Latein als Wissenschaftssprache gab es viele Bemühung, die lateinischen Termini in verständlicheres Deutsch zu überführen – leider nicht immer allzu erfolgreich. Das lateinische „periscii“ für die Bewohner der Polargegenden versuchte man mit Umschattige oder Kreisschattige zu übersetzen, da ihr Schatten sich immer im vollen Kreis um sie herum bewegt. Das Bemühen war aller Ehren wert – aber das internationale „polarisch“ bzw. „Polarbewohner“ hat diese unbeholfenen Ausdrücke bald verdrängt. Interessant: im Englischen hat sich „periscii“ bis heute erhalten.

 

Und ohne haberechten zu wollen: das Adjektiv feldschön („in der Ferne schön“) zur Beschreibung gewisser ZeitgenossInnen, die mit Abstand besser aussehen als von Nahem, solle unbedingt wieder in den aktiven Sprachgebrauch aufgenommen werden. Sintemahl diese Eigenschaft eines eigenen Wortes auf jeden Fall würdig ist.

Julia Helbig
Julia Helbig
Diplom-Übersetzerin & Diplom-Dolmetscherin für Deutsch, Englisch & Russisch | Allgemein beeidigt und ermächtigt | Mitglied des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) e.V.